Von Ferry Batzoglou, Athen
Polizisten schützen das griechische Parlament: Linksextreme Militante im Visier
Eine Serie von Anschlagsversuchen mit Paketbomben versetzt Europa in Aufregung – und immer wieder führt die Spur nach Griechenland:
- In Berliner Kanzleramt wurde am Dienstagnachmittag Alarm ausgelöst, nachdem in der Poststelle ein Paket mit einer Rohrbombe gefunden worden war. Es war an Angela Merkel adressiert, als Absender war das griechische Wirtschaftsministerium vermerkt.
- Am Dienstagabend zerstörte die griechische Polizei auf dem Flughafen Athen zwei Pakete, die Sprengstoff enthielten. Eines davon war an die europäische Polizeibehörde Europol, das andere an den Europäischen Gerichtshof adressiert.
- Zuvor waren an mehrere ausländische Botschaften in Athen verdächtige Pakete geschickt worden, darunter auch die deutsche Vertretung. Vor der Schweizer Botschaft explodierte ein Sprengsatz, weitere Sendungen wurden rechtzeitig gefunden und unschädlich gemacht.
- Am späten Dienstagabend teilte die griechische Polizei mit, dass ein an Bord eines kleinen Postflugzeuges gefundenes Paket überprüft werde. Es sei an den italienischen Premier Silvio Berlusconi adressiert gewesen. Die Maschine war am Abend vom Flughafen Athen gestartet und auf dem Weg nach Paris und Lüttich. Wegen des verdächtigen Pakets landete es in Bologna, wo Experten das Paket untersuchten. Beim Öffnen ging es in Flammen auf, niemand wurde verletzt.
Kurz vor Mitternacht gab die griechische Polizei dann bekannt, dass der Versandvon Briefen und Päckchen per Luftpost für 48 Stunden suspendiert wurde.
Bereits am Montag waren in Athen mehrere Paketbomben gefunden worden. Eine an Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy adressierte Sendung wurde bei zwei festgenommenen Verdächtigen abgefangen, die der linksanarchistischen Szene in Griechenland zugerechnet werden.
Weitere Pakete waren an die Botschaften Mexikos, Belgiens und der Niederlande gerichtet. Bei der Explosion eines der Pakete in einer Filiale eines Kurierdienstes wurde eine Angestellte leicht an der Hand verletzt.
Ermittlerkreisen zufolge wurden alle neun Pakete am Montag abgeschickt. Demnach könnten die am Dienstag entdeckten Pakete von Komplizen der beiden am Vortag festgenommenen Männer abgeschickt worden sein. Einer der beiden Männer gilt als Mitglied der anarchistischen Gruppe „Verschwörung der Zellen des Feuers“, die sich seit ihrem Auftauchen 2008 zu mehreren Sprengstoffanschlägen bekannt hat.
Gefährliche Päckchen mit Schießpulver waren in den vergangenen Tagen an zahlreiche Botschaften in Athen geschickt worden, auch aus Nicht-EU-Ländern. Eine an die deutsche Botschaft adressierte Paketbombe konnte kontrolliert gesprengt werden. Zwei Sprengsätze detonierten nach Polizeiangaben vor den Botschaften der Schweiz und Russlands. Verletzt wurde niemand; die Bomben hatten keine große Sprengkraft. Zwei weitere, an die bulgarische und die chilenische Vertretung adressierte Paketbomben wurden ebenfalls unschädlich gemacht.
Doch wer sind die Täter der Bombenserie? Die Polizei ermittelt in alle Richtungen – aber besonders im linksextremen Milieu, das während der Krawalle erstarkt war. Fest steht: Bereits am Montag nahm die Sonderheit der Griechischen Polizei DIAS, die in Athen und anderen Metropolen auf Motorrädern patrouilliert, in der zentralen Athener Rizari-Strasse den 22-jährigen Panagiotis A. sowie den 24-jährigen Gerassimos T. fest. In deren Besitz fanden die Polizisten zwei Briefbomben, eine Liste mit zehn Anschriften unter anderem von Kurierdiensten sowie zwei Pistolen vom Modell Glock.
Die eine Briefbombe war an Frankreichs Staatspräsident Nikolas Sarkozy adressiert. Als Absender war der amtierende griechische Vizepremier Theodoros Pangalos aufgeführt. Die andere führte als Absender die Hilfsorganisation Action Aid auf, Empfänger war die Belgische Botschaft in Athen.
Griechischen Medienberichten zufolge fahndete die Polizei seit einem Jahr per Haftbefehl nach Panagiotis A. – wegen Mitgliedschaft in der kleinen Terrorgruppe „Konspiration der Zellen des Feuers“. Er soll am 27. Juni 2009 eine Bombe in einen Athener Stadtbus geschmuggelt haben. Gerassimos T. soll dem Athener Autonomenmilieu angehören, fiel aber bisher nicht durch Straftaten auf. Sein älterer Bruder steht jedoch unter Verdacht, Terrorakte verübt zu haben.
Die beiden weigerten sich bei ihrer Festnahme, jegliche Angaben zu machen und Fingerabdrücke abzugeben. Sie wurden am Dienstag dem Athener Staatsanwalt vorgeführt, der ein Strafverfahren eröffnete. Den beiden Männern wird unter anderem die Durchführung von Terrorakten, Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und Besitz von Schusswaffen vorgeworfen.
Obwohl die beiden seither beharrlich schweigen – eines stand am Dienstag fest: Die beiden bei A. und T. gefundenen Glock-Pistolen wurden nicht bei Anschlägen der berüchtigten „Sekte der Revolutionäre“ benutzt. Diese militante linksextreme Untergrundorganisation hat seit dem 4. Februar 2009 mehrere, teils tödliche Anschläge verübt. Die Polizei war durch den Fund der Waffen zunächst alarmiert – weil Glock-Pistolen auch auf einem Bekenner-Foto zu sehen waren, das die „Sekte“ nach dem Mord an den Journalisten Sokrates Giolias am 19. Juli 2010 veröffentlicht hatte.
„Verelendung der Massen“
Giolias war im Morgengrauen vor seinem Haus im Athener Vorort Ilioupolis von 15 Kugeln getroffen und getötet worden. Am Tatort wurden 9-Millimeter-Patronenhülsen aus zwei Waffen gefunden, die die „Sekte der Revolutionäre“ zuvor mehrfach benutzt hatte:
- am 17. Juni 2009 bei der Ermordung des Anti-Terror-Polizisten Nektarios Savvas im dicht besiedelten zentralen Athener Stadtteil Patissia,
- am 17. Februar 2009 bei einem Attentat auf den privaten Athener TV-Sender „Alter“ im westlichen Athener Vorort Peristeri,
- am 4. Februar 2009 bei einem Anschlag auf eine Polizeiwache im südwestlichen Athener Arbeitervorort Korydallos.
Die „Sekte der Revolutionäre“ hat sich zu allen Anschlägen bekannt. Sie machte die Angriffsziele unter anderem für die in Griechenland grassierende Arbeitslosigkeit und „Verelendung der Massen“ verantwortlich.
Genau diese Gründe könnten Beobachtern zufolge nun auch ein Motiv für die Angriffe auf die deutsche Botschaft in Athen und das Kanzleramt in Berlin sein. Denn in Griechenland hat es im Zuge der jüngsten Schuldenkrise massiven Ärger über die harte Haltung Deutschlands gegeben.
Wie skrupellos die „Sekte der Revolutionäre“ agiert, belegt eine veröffentlichte Erklärung nach dem Anschlag auf die Polizeistation in Korydallos: Die Angreifer nannten die Polizisten „Donuts – besser mit einem Loch in der Mitte.“
Griechenlands Linksextreme
- Die radikalen Gruppen:
Die wichtigsten Autonomengruppen des Landes heißen „Revolutionärer Kampf“, „Konspiration der Zellen des Feuers“, „Volksaktion“ und „Sekte der Revolutionäre“. Vertreter haben sich zu mehreren Attentaten in den vergangenen Monaten bekannt und sich in ihren Bekennerschreiben als „Stadtguerilla“ bezeichnet, die den Sturz des Systems erzwingen wolle.
Die Autonomen kritisieren die Sanierungspolitik der Regierung des überschuldeten Staates sowie die Sparforderungen der EU; auch gegen Kanzlerin Angela Merkel wurde gehetzt.
Die Polizei glaubte, „Revolutionärer Kampf“ und „Konspiration der Zellen des Feuers“ größtenteils zerschlagen zu haben – in den vergangenen sechs Monaten waren zehn ihrer mutmaßlichen Mitglieder festgenommen worden. Offenbar sind viele Mitglieder dieser Organisationen jedoch weiter aktiv.
- Frühere Attentate:
Seit Monaten verbreiten radikale griechische Autonome mit Mord und Bombenterror Angst und Schrecken. Als Auslöser der Gewalt gilt der Tod eines 15-Jährigen durch eine Polizeikugel im Dezember 2008 – seitdem kommt Athen nicht zur Ruhe. Allein 2009 zählten die Sicherheitskräfte 430 Vorfälle – bewaffnete Angriffe, Brandstiftungen, Bombenanschläge.
Am 17. Juni 2009 wurde ein Polizist ermordet. Die Täter gaben 20 Schüsse auf den Mann ab und flohen auf Motorrädern. Später bekannte sich die „Revolutionäre Sekte“ zu dem Attentat.
Ende Oktober 2009 wurden bei einem Überfall auf eine Polizeiwache sechs Beamte angeschossen – es war ein Glück, dass alle den Angriff überlebten.
Am 27. Dezember 2009 richtete eine Bombe schwere Schäden am Gebäude einer Versicherung an.
Im Januar 2010 wurde ein Polizist angegriffen und lebensgefährlich verletzt – von schwer bewaffneten Extremisten.
Im März dieses Jahres kam ein 15-jähriger Afghane in Athen um, als ein Sprengsatz vorzeitig explodierte.
Im Juni detonierte eine Briefbombe in den Händen eines Sekretärs des griechischen Ministers für Öffentliche Ordnung – er kam dabei ums Leben.
- Frühere Schießpulver-Paketsendungen:
Gefährliche Päckchen mit Schießpulver waren in den vergangenen Tagen an zahlreiche Botschaften in Athen geschickt worden, auch aus Nicht-EU-Ländern. Eine an die deutsche Botschaft adressierte Paketbombe konnte kontrolliert gesprengt werden. Zwei Sprengsätze detonierten nach Polizeiangaben vor den Botschaften der Schweiz und Russlands. Verletzt wurde niemand; die Bomben hatten keine große Sprengkraft. Zwei weitere, an die bulgarische und die chilenische Vertretung adressierte Paketbomben wurden ebenfalls unschädlich gemacht.
Bereits am Montag waren in Athen mehrere Paketbomben gefunden worden. Eine an Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy adressierte Sendung wurde bei zwei festgenommenen Verdächtigen abgefangen, die der linksanarchistischen Szene in Griechenland zugerechnet werden.
Weitere Pakete waren an die Botschaften Mexikos, Belgiens und der Niederlande gerichtet. Bei der Explosion eines der Pakete in einer Filiale eines Kurierdienstes wurde eine Angestellte leicht an der Hand verletzt.
Ermittlerkreisen zufolge wurden alle neun Pakete am Montag abgeschickt. Demnach könnten die am Dienstag entdeckten Pakete von Komplizen der beiden am Vortag festgenommenen Männer abgeschickt worden sein. Einer der beiden Männer gilt als Mitglied der anarchistischen Gruppe „Verschwörung der Zellen des Feuers“, die sich seit ihrem Auftauchen 2008 zu mehreren Sprengstoffanschlägen bekannt hat.
Quelle: spiegel.de